November 2007

Entlassen!

Kauft Käse!

»In Wahrheit war ich nie verreist
Wie das Protokoll beweist«
Tocotronic »Aus meiner Festung«

Entlassen aus der Blogblues-Klinik. Wo war er denn? In der digitalen Kaufbedürfnisweckanstalt namens »Web 2.0«. Z.B. in Twitter unterwegs. Muss leider »privat« sein, denn natürlich kommt sofort wieder einer und baut eine Twitter-Suche. Als ob alles erhalten, archiviert, getaggt, zugänglich sein muss. Selbst 140 dahingerotzte Zeichen. Ich glaube, wenn ein Dienst käme und Eure Telefongespräche automatisch als Podcast zugänglich macht, dann würdet Ihr sogar das toll finden…

Apropos Blogblues. Ein Blogger wäre kein Blogger, wenn er die Tatsache, gerade keinen Bock zu haben, nicht gebloggt und umgehend zum griffigen »Phänomen« stilisiert hätte. Zumal er (so er ein bißchen A-listet) weiß, dass die in den letzten ca. zwei Jahren entstandene Claque-Blog-Masse von niedrigem Blogtalent, also die, die »der Blog« sagen und begierig repetieren, was der Meister, wer immer das auch gerade ist, gebloggt hat, so etwas gleich gierig aufgreift. Einfach mal Mund halten ist nicht mehr drin, unter Phänomen geht hier nix. Blogosphäre, man muss Dich lieben! ;-)

Und ja, die Geschäfte als »Digitaler Bohème« laufen auch, auch ohne permanenten Ego-Striptease im Blog darüber. Letzteres ist tröstlich, oder? ;-)

weblogs twitter web2.0

9. November

Stasi-Zentrale Normannenstraße

Neulich war ich in Berlin, im Stasi-Museum just in der ehemaligen Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Wenn man sich dort die Exponate anschaut und sich über die von der Stasi verwendeten Verfahren unterrichten lässt, dann so etwas oder so etwas liest, heute die Verabschiedung der Vorratsdatenspeicherung zur Kenntnis nimmt, die nur das jüngste Glied einer Kette von Gesetzesverschärfungen ist (und noch lange nicht das Ende der Kette, da sei Schäuble vor), dann kann man nur zu einem Schluss kommen: Meine lieben uniformierten Freunde im deutschen Staatsdienst hüben wie drüben, Ihr ähnelt Euch mehr als Ihr Euch unterscheidet. Die Verabschiedung der Vorratsdatenspeicherung an genau eben jenem 9. November sagt mehr über die geistige Verfassung unserer Volksvertreter aus als lange Debattenübertragungen in Phoenix. Aber, auch Du, verehrte Zielgruppe, hast sie gewählt…

Nun folgt die massenhafte Verfassungsbeschwerde, der man sich noch stets anschließen kann. Dazu gibt es ein Bonmot von unserem Innenminister Schäuble, das eine Menge sagt über seinen Respekt gegenüber der Rechtsordnung und den Bedenken derjenigen, in dessen Namen zu handeln er vorgibt:

»Wir hatten den ‘größten Feldherrn aller Zeiten’, den GröFaZ, und jetzt kommt die größte Verfassungsbeschwerde aller Zeiten.«

stasi vorratsdatenspeicherung 9.november

Panta Rei. Alles fliesst im Web.

Arm aber Sexy - 3

Letztens habe ich was aus uralten Zeiten gesucht. Und dann in meinem alten Blog gefunden. Immer gut, ein paar Kübel mit Daten parat zu haben!

Aber heute sind die Zeiten anders. Man bloggt an verschiedenen Orten, produziert bombastische Inhalte in Web-2.0-Diensten, man schwimmt in einem Strom dezentraler Informationsströme wie eine Amöbe im reißenden Gebirgsbach: Die Form variierend, aber stets der selbe Einzeller. ;-)

Wiederfinden und Einsammeln wäre aber trotzdem nicht schlecht. Drum hat, wer was auf sich hält, einen so genannten »Lifestream« in seinem Blog, so wie Manuela oder Johannes oder der eine Held oder die andere Heldin aus den Weiten des internationalen Webs. Fazit: Brauche ich auch.

Dienste wie Yahoo Pipes oder Jaiku liefern brauchbare Werkzeuge dazu, aber das moralische Gebot, stets das »Eigentum an Produktionsmitteln« ;-) anzustreben, erfordert eine eigene Lösung.

Et voilà, ein wenig Rails mit den FeedTools, und fertig ist die ultimative »Ralf-im-Web-Total-Seite-mit-Feed«: Panta Rei

Panta Rei aggregiert allerlei RSS-Feeds von Quellen mit meinen Inhalten. Im Gegensatz zu anderen Lösung, die live APIs oder RSS-Feeds abrufen, habe ich mich zu einer Datenbanklösung entschlossen. Die Feeds werden regelmäßig überprüft und neue Einträge in der Datenbank abgelegt. Dadurch erreicht man mehr Stabilität und gewinnt die Möglichkeit, Tag-Wolken und tag-basierte Aggregierungen von seinem gesamten Web-Output durchführen zu können.

So haben die geneigte Leserin und der geneigte Leser also fortan zwei RSS-Feeds zur Auswahl:

Die Bedingungen sind wie bisher: Alles steht unter einer Creative-Commons-Lizenz, kommerzielle Verwendung (und dazu zähle ich auch öffentliche RSS-Aggregatoren mit Werbung aller Art) ist nicht erlaubt, Zuwiderhandlungen werden mit einer scharfen Axt nach Einbruch der Dämmerung verfolgt.

Hier wurde nun hinter den Kulissen alles auf Edge-Rails, das kommende Ruby on Rails 2.0, umgestellt. Dadurch wurde ein flexibles Tag-Handling mit individualisier- und kombinierbaren Seiten, die sowohl als HTML als auch als RSS ausgegeben werden können, möglich. REST mit Rails ist halt das größte Ding seit geschnittenem Brot.

Was heisst das?

Man stelle sich vor, es gäbe jemanden, der nur meine sparsamen aber heftigen Netztand-Artikel verfolgen möchte. Dann kann er diese nun auch als Feed abonnieren. Das funktioniert auch mit Kombinationen von Feeds. Z.B. kann man alle Artikel mit den Tags »digitaleboheme« und »berlin« angucken oder abonnieren. Und wenn das Blog nicht genug ist, gibt es das auch mit den für den Stream eingesammelten Daten meiner Quellen 2.0 (Feed).

Wofür das gut ist, und ob das jemand nutzt, werden wir sehen. Aber bitte: Wenn Ihr Tag-Feeds abonniert, ruft diese nicht dreimal pro Minute ab. ;-)

web2.0 rails pantarei livestream

24C3 - Volldampf voraus!

In den letzten Jahren stets ein Pflichttermin und ein Garant für einen entspannten und anregenden Ausklang »zwischen den Jahren«: Der Congress. So früh wie selten ;-) haben die Organisationen, 168 Jahre nach dem Erscheinen des allerersten Fahrplans in Großbritannien, den Fahrplan für 24C3 veröffentlicht:

»May it be your useful assistant and companion to data travelling. May it wet your appetite for what we believe will be the best Congress ever.«

Wie stets in den letzten Jahren werde ich auch dieses Mal dabei sein. (Un-)Konferenzen hin oder her, der Congress ist etwas ganz besonderes und in seiner Art einzigartig, da sollte man mal gewesen sein, wenn man als digitaler Netzbürger etwas auf sich hält. ;-)

Zur Retrospektive, mein Schriftgut zum Congress der letzten Jahre:

24c3 berlin ccc congress

Kindle — Die Zukunft des Lesens?

Das handliche kleine Gerät voller Wissen und Weisheit, in das Captain Picard hinein starrte und irdische Buch-Klassiker aus einer riesigen digitalen Bibliothek las, in der Hoffnung, aus diesen Ratschlag und Legitimation für sein imperialistisches Handeln zu gewinnen, gilt auch heute noch als Inbegriff Realität gewordener Science-Fiction. Deshalb ist das »digitale Buch« der Heilige Gral der Computertechnik.

Der nächste Versuch dahin: Der »Kindle«. (Ich hoffe, der Name klingt im Englischen nicht so bescheuert wie auf Deutsch. ;-)) Ein wahrlich nicht sonderliches schönes Lesegerät, das Lesevergnügen ohne das Schleppen schwerer Stapel toter Bäume verspricht. Lesen darf man darauf aber nur Amazons eigene elektronische Bücher. Die Zeiten sind vorbei, in welchem man ein Buch in der Hand hielt und sagen konnte: »Mein Buch«. Mit dem Kindle bekommt man DRM verseuchte E-Books von Amazon zur Verfügung gestellt. Diese darf man lesen. Und das war es auch schon an Rechten, Mark Pilgrim hat das wunderbar gegenüber gestellt. Früher galt, in den Worten von Amazons Jeff Bezos aus dem Jahre 2002 (zit. nach Pilgrim):

When someone buys a book, they are also buying the right to resell that book, to loan it out, or to even give it away if they want. Everyone understands this.

Davon will man im selben Hause 2007 nichts mehr wissen (Amazon, Kindle Terms of Service, zit. nach Pilgrim):

You may not sell, rent, lease, distribute, broadcast, sublicense or otherwise assign any rights to the Digital Content or any portion of it to any third party, and you may not remove any proprietary notices or labels on the Digital Content. In addition, you may not, and you will not encourage, assist or authorize any other person to, bypass, modify, defeat or circumvent security features that protect the Digital Content.

Wie es DRM-Diensten so eigen ist, zeichnet der Kindle-Dienst sämtliche Aktivitäten des Kindle-benutzenden Kunden auf und kann die Nutzung der Bücher durch den Kunden auf Knopfdruck beenden.

Schöne neue Welt. Da gehen sie dahin, die naiven Science-Fiction-Träume. Der Kindle ist nicht nur ein anderes Medium, ein Tausch digitales Gerät vs. tote Bäume. Es ist vielmehr der Versuch eines Wandels des jahrhundertealten Kulturguts Buch hin zu kostenpflichtigen »Content«. Buch lesen und dann verschenken? Nö. Buch lesen und dann in Bookcrossing aussetzen? Nö. Buch Deiner Freundin zum Lesen auf ihr Gerät geben? Nö.

Echo: Viel zu naiv technokratisch von Anil Dash. Ein Verriss von »Indiskretion«, der das Gerät an den falschen Stellen zerreisst. Und eine techno-affirmative Hymne von Neunetz, die den kulturellen Wandel durch DRM als eine Randerscheinung des Fortschritts verniedlicht.

Die Zukunft des Lesens? So nicht. Der Kindle ist ein dreister Versuch, das gute alte Buch in die abzockende Verwertungskette von DRM–Kontrollfreaks zu ziehen. Und das ausgerechnet von einem Unternehmen, das seine Millionen mit eben jener freien Handelbarkeit des Gutes »Buch« gemacht hat.
Die Zeitung wird immer mehr ins Netz wandern. Ich lese auch nur noch digital, weil mir der regelmäßige An- und Abtransport von Papier zu aufwändig ist. Aber ich halte jede Wette, dass auch in 100 Jahren der gute alte »Moby Dick« (Abb. oben) noch auf Papier gelesen wird. Darum wird der Versuch, mit dem Kindle als »iPod des Lesens« einen ähnlichen Paradigmenwechsel auszulösen, zum Scheitern verurteilt sein. Glücklicherweise…

[Nachtrag 25.11.2007] O’Reilly-Radar hat ein paar Stimmen, die sich nicht auf orgiastische Technik-Apologetik beschränken sondern mehr in Richtung »Kultur« denken. Aber trotzdem unsinnig sind. So wird zum wiederholten Male das angebliche proprietäre Format von Apple für Musik auf dem iPod als Beweis für die Folgerichtigkeit der Kindle-Lösung angeführt.
Nur: Häufiges Wiederholen macht »falsch« nicht »richtig«. Der iPod hat kein proprietäres Format. Es steht jedem iPod-Benutzer frei, Musik aus beliebigen Quellen drauf zu hauen. Und damit stürzen diese Vergleiche ein wie ein Kartenhaus im Durchzug.

[Nachtrag 28.11.2007] »A Brief Message« setzt den Schlusspunkt: »PEOPLE DON’T WANT TO READ BOOKS ON A SCREEN

kindle drm lesen kultur