August 2007

»Wir sind viele. Jeder einzelne von uns.«

web2.0 weltalssolche abschweifen

Nachdenken

Man will ja kein »Dinosaurier« im NetNewsWire werden. Apropos, etwa 80 Feeds mussten dort weichen. Problematisierer. Nicht-Thema-Thematisierer. Glaubwürdigkeits-Verkäufer. Jene, die sich als kläffende Claque eitler Selbstdarsteller gefallen. Man ist hin- und hergerissen zwischen der alten Faszination für das Medium »Weblog« und der wachsenden Abscheu vor Praxis und Personen des Blog-Mainstream. Jenen, die »der Blog« sagen. An ihren Worten erkennt man sie schon.

Überhaupt. Lernfähig sind in diesen Zeiten anscheinend die wenigsten. Flickr sagte uns etwas. Nämlich: »Du sollst nicht vorhalten Deine wichtigen Daten bei einem zentralisierten kommerziellen Dienst.« Und was machen alle? Staunen, weil der nächste, wenn auch aus gänzlich anderen Gründen, spurlos verschwindet.

Noch einmal »apropos«. Wir, übrigens, bleiben erst einmal bei flickr. Weil: Den einen zentralisierten Dienst zu verlassen, um beim nächsten einzukehren, ist hochgradig albern. Na gut, na gut, wenn man Ego-Schulterklopfen und -Gewissensberuhigung schätzt, dann schon. In der Sache ist aber einzig und alleine der Aufbau einer dezentralen Alternative sinnvoll. Das braucht aber ein wenig Zeit, die derzeit nicht da ist.

Warum eigentlich »wir«? Wir alle sind wir. Der durch das Web marodierende Mob. Das Verkaufen des Verselbstständigens der Leserbriefspalte im Web als emanzipatorischen Akt der digitalen Moderne ist der Hit des Jahres. Das Zucken einer sterbenden Gattung. So verdanken wir nun den modernen Zeiten, dass wir in der Zwo-Null-Offensive des Zentralorgans der gebildeten Rechten empirisch belegt bekommen, was wir in all’ den Jahren (besonders in den 90ern, als »Die Welt« federführend im »Serbien muss sterbien«-Diskurs war) schon immer wussten: Dass die Leserschaft des Blatts ebenso unappetitlich ist wie das Blatt selbst. Das ist Fortschritt. Aber nicht nur Rechts. Wer diese Kommentare zu diesem Artikel liest, möchte unweigerlich flehen: »Bitte, bitte, macht das weg. Wir wollen unsere Mitmenschen nicht täglich zu jedem Artikel lesen…«

Und sonst? Die neue Tocotronic ist einfach großartig, so großartig, dass eine Zeile daraus gleich als Überschrift herhalten musste. Und es sind die großen Dinge, die keine Schatten werfen. Und diese Woche geht es nach Berlin. Aber ich schweife ab…

Und fast vergessen: Auch wenn hier die Ruhe stetige Gesellin ist, heisst das nicht, das nix gebloggt wird. Hier z.B., bei den Webkrauts, über die Webwüste der »Elf vom Niederrhein«. Und nun regelmäßig im Stadtblog Karlsruhe. Die Revolution voran treiben, statt altklug drüber zu labern, »you know what I mean…«

Wir nennen es nicht nur Arbeit: 9to5-Festival

9to5 wirnennenesarbeit digitaleboheme

Vor allzu langer Zeit waren wir von der »Digitalen Bohème« nicht einmal ein griffiger Begriff. Und kaum wurde der Begriff griffig, gibt es auch schon ein griffiges Festival: 9to5. Wir nennen es Arbeit. »9 to 5« als Begriff ist in den Zeiten des gedankenlosen Sprachglobalisierens bekanntlich aus der amerikanischen Angestellten-Unkultur herüber gesickert und meint Menschen, die von 9:00 bis 17:00 in Büros gepfercht werden, um einem Broterwerb nachzugehen. Wir, die wir das (manche, wie ich, freiwillig, manche eher unfreiwillig) hinter uns gelassen haben, leben ohne Zeitdiktat aus Abhängigkeiten und veranstalten daher Festival, auch von 9 bis 5, aber von 21:00 bis 05:00 Uhr…

Obwohl man nicht so genau weiß, was einen da eigentlich erwartet, habe ich mich wieder einmal nach Berlin begeben und werde dabei sein. Das Programm ist eine eigentümliche Mischung aus Geek-Themen mit einigen üblichen Verdächtigen, Lebenshilfe für die »Digitale Bohème« und dem, was man heutzutage so »Event« nennt.

Besonders freue ich mich auf den Auftritt von Britta, eine Band aus drei Damen und einem Herrn am Schlagzeug, die es vom Schicksal knüppeldick serviert bekommen haben und trotzdem letztes Jahr mit einem fantastischen Album zurück kamen. Auch empfehlenswert, wenn auch erst spät im Morgengrauen (um 4:30 Uhr ;-)): Sir Simon Battle. Namensgeber Simon stand letztens beim Tomte-Konzert für den maladen Stamm-Basser Olli auf der Bühne und erfreute das Publikum mit tadellosem Bassspiel und einem freundlichen Dauergrinsen, sowas muss ja durch enthusiastische Anwesenheit belohnt werden…

Ich bin gespannt, was auf dem Festival passieren wird. Das Programm und das Heftchen zum Festival gibt es online.