Juni 2007

reboot9

Zum Ausklang des Maien trifft sich in Kopenhagen ein Haufen Menschen, die etwas mit dem Web am Hut haben, zur reboot9. Da man von den Auflagen der Vorjahre nur Gutes hören konnte, musste es dieses Jahr sein: Auf nach Kopenhagen, Rebooten!

reboot hat eine ganz eigene Atmosphäre, es ist eine Mischung aus (ursprünglichem) Barcamp und Congress. Ein Treffen von Leuten, die im Web »machen« und darüber nachdenken möchten, was dieser ganze neumodische Web-Kram eigentlich mit uns anstellt. Was man hier nicht findet: Leute, die bei jedem Wort implizit »Geschäftsmodell« murmeln. Oder, wie ein anderer Teilnehmer sehr schön formuliert, es laufen hier keine Anbieter von Textlink-Anzeigen mit ihren Werbe-T-Shirts herum…

reboot steht jedes Jahr unter einem Motto, dieses Jahr: »Human«. Das Motto ist aber eher »blumig« zu verstehen, irgendwie ist ja alles »human«…

Wie bei allen Konferenzen dieser Art, bewegt man sich zwischen den Polen »amtliches Vortragsprogramm«, das, wie das Bild zeigt, stets gut besucht ist, und den Gesprächen in der Kopenhagener Frühlingssonne, die noch besser besucht sind (vgl. Bild ganz oben). Themen, die hier besprochen wurden, wird ein weiterer Beitrag zusammen fassen.

Ein wenig von der Atmosphäre hier auf der reboot zeigt die passende flickr-Gruppe.

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reboot9 - Human?

Barcamps, Webmontage, (Un-)Konferenzen allenthalben, alles mit ähnlicher personeller Besetzung und zunehmender Beteiligung von Gästen, denen nicht in erster Linie die Sache selbst am Herzen liegt — der im deutschsprachigen Raum ein wenig ausufernde »Konferenzzirkus 2.0« sorgt bereits für erste öffentlich geäußerte Frustrationen. Es schien an der Zeit, einmal einen Blick auf das internationale Geschehen zu werfen. Da traf es sich gut, dass zu den Kalenden des Juni 2007 in Kopenhagen die »reboot9« statt fand. Unter dem Banner der kurzen, aber potenziell bedeutungsschwanger dräuenden Frage »Human?« trafen sich ca. 500 Menschen, die sich mit dem Leben im Netz beschäftigen.

Auch wenn das nun schon wieder über eine Woche her ist, möchte ich noch auf die beiden Tage des Diskutieren, Inspirieren und Philosophieren über die verschiedenen Aspekte des Menschseins in diesen digitalen »Zeiten 2.0« zurück blicken.

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»We are the angry mob« - Zensur bei flickr

»We are the angry mob
We read the papers every day
We like who we like, we hate who we hate
But we’re also easily swayed«
(Kaiser Chiefs »The Angry Mob«)

»Hier ist was los« verkündete flickr gestern freudestrahlend im Blog, und meinte damit die Verfügbarkeit von flickr in mehreren Sprachen. Mit der Lokalisierung der Website wurde heimlich, still und leise ein weiteres »Feature« eingebaut. Man kann nun seine Suchen filtern, damit man nicht versehentlich auf nacktes Fleisch trifft (Ihr wisst schon, z.B. die jungen Damen, die mit neckischen Selbstportraits nicht nur die Anzahl der Fav-Sternchen in die Höhe treiben), wenn man in flickr seine Tags durchsucht. Mit einer dreistufigen Einstellung kann man diese Filter konfigurieren. Fast überall. Nur nicht in Singapur, Hongkong, Korea — und in Deutschland. In voreiligem Gehorsam gegenüber dem neuen Schäuble-Deutschland hat flickr beschlossen, dass seine deutschen Benutzerinnen und Benutzer ab sofort nur noch »saubere« Bilder zu sehen bekommen. Das hat völlig absurde Auswirkungen, wie im Forum wunderbar dokumentiert bewundert werden kann.

Und nun ist wirklich »was los«! Es versteht sich von selbst, dass das für uns, die deutschen flickr-NutzerInnen, völlig inakzeptabel ist. In den Zeiten des Web-2.0 formiert sich aber die Benutzerschaft zum Gegenschlag, und so flutet die deutsche Gemeinde, ausgehend von diesem Eintrag, flickr innerhalb von wenigen Stunden mit einem warnenden Bildchen (s.o). Man darf gespannt sein, wann flickr darauf reagiert und ob es zu einem Massen-Exodus kommen wird.

Nebenbei wurde auch noch die Zahlung per Paypal für die Pro-Accounts abgeschafft. Wahrscheinlich, weil Yahoo sein bräsiges »Yahoo Wallet« fördern möchte. Großartig, vorne »wir, flickr, noch stets das knuddelige Start-Up mitten aus der Blogosphäre« spielen, hinten rum reinrassiges Geschäftsinteressen wahren inklusive voreligem Kotau vor Zensoren aus aller Welt. Das ist ein Lehrbeispiel, woraus wir alle unsere Konsequenzen ziehen sollten. Die Frage ist nur, wie diese aussehen…

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Facebook - Das nächste große Ding?

Regelmäßig werden Säue durch die digitalen Dörfer getrieben, die das nächste große Ding werden. Kennt man mittlerweile zur Genüge. Aktuell an der Reihe: Facebook. Alle melden sich an, auf eine soziale Plattform mehr oder weniger kommt es schließlich nicht an in der stolzen Sammlung von Accounts des typischen Web-Geeks. ;-)

Und Facebook scheint gar so ein großes Ding zu sein, dass sogar gestandene deutsche A-Lister beim Bloggen vor lauter Dollars virtuellen Schaum vor dem Mund stehen haben. Höchste Zeit also, mal zu schauen, was wir denn dieses Mal für ein prächtiges Nutztier auf der digitalen Allee vor uns sehen…

Facebook?

Eigentlich war Facebook nur das, was StudiVZ und Konsorten eingedeutscht und nachgebaut haben: Eine Partnerbörse…, Verzeihung, ein »Social Network« für Studierende, wo man sich in mittlerweile altbewährter Weise nach gewissen Vorlieben und Interessen Online organisieren kann. Facebook galt als die »saubere« und etwas langweilige Alternative zum brodelnden MySpace. Oder, wie Danah Boyd schrieb, MySpace und Facebook bildeten Online die sozioökonomische Spaltung der amerikanischen Gesellschaft ab.

Jedenfalls, 2004 von Mark Zuckerberg gegründet, wurde Facebook ein grandioser Erfolg und hat heute über 25 Millionen Mitglieder, die sich an altersgerechten sozialen Online-Vergnügungen erfreuen.

So weit, so gut. Nichts, was man bräuchte, wenn man kein juveniler Studierender an einer US-amerikanischen Bildungsinstitution ist.

Strategiewandel

Eines Tages aber beenden die Facebook-Mitglieder ihr Studium und wollen die sozialen Bindungen der Plattform erhalten. Folgerichtig öffnete sich Facebook und zielt nun auch auf ältere Semester, die nicht mehr unbedingt studieren müssen und scharf auf Nelly…, Verzeihung, die gut ausgebildet sind und konsumfreudig im Berufsleben stehen. Und, wenn wir Danah Boyd glauben möchten, zur finanzkräftigeren Hälfte gehören. Kurz, an deren Dollars jeder ran möchte, der sich den Broterwerb im Web auf die Fahnen geschrieben hat. Natürlich auch Facebook.

Facebook als Plattform

Am 24. Mai verkündete Mark Zuckerberg mit angemessenem medialen Getöse den Start von Facebook f8, einer Entwicklungsplattform, die es Drittanbietern ermöglicht, Anwendungen in einer proprietären Sprache zu entwickeln, die innerhalb von Facebook ablaufen und die sich jeder Facebook-Nutzer in sein Profil einbauen kann. Facebook möchte nicht weniger als das »social operating system« des Webs sein! Boah! Wenn schon, dann richtig, dachte sich unser jugendlicher CEO….

Warum aber sollte man Widgets für Facebook entwickeln? Damit man auf einen Schlag eine potenzielle Benutzergruppe von 25 Millionen Facebook-Mitgliedern verfügbar hat. Und das funktioniert. Wie man dem Anwendungsverzeichnis entnehmen kann, sind einige der am heutigen Tage über 1.100 Anwendungen bereits millionenfach in Benutzer-Profile integriert.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Man kann seine Dienstleistungen und Waren in den Marktplatz Facebook tragen und braucht sich nicht um das mühsame Einsammeln von Menschen in den Weiten des Netzes zu kümmern. Das übernimmt Facebook. Und erlaubt ausdrücklich das Geld verdienen.

Also?

Eine rundum gute Sache also, dieses neue Facebook. Oder nicht?

Kommt drauf an. Eigentlich ist ja bereits das gute alte »World Wide Web« das »social operating system«, in dem wir uns alle bewegen. Die Einführung von umzäunten Inseln des Kommerzes, in dem ein gütiger Herrscher das Sagen hat, ist für das Web insgesamt kontraproduktiv. Wer Geld im Web machen möchte, liebt aber natürlich die Ordnung des »walled garden« im chaotischen Web. Facebook ist damit das »neue AOL«, wie Jason Kottke in einem klugen Beitrag schrieb. Jeder, der dort Geld verdienen möchte, darf sich also über die Facebook-Plattform freuen. Wem mehr das Web als gesamtes, als kultureller Raum, am Herzen liegt, eher weniger…

Und dann gibt es da noch das Problem, das jeder umzäunte Garten hat: Der Eigentümer hat das Sagen innerhalb der Mauern. Was für den von kommerziellen Motiven getriebenen kleinen Facebook-Entwickler ganz und gar nicht ohne Risiko ist, wie im Vecosys-Blog ausgeführt wird. Was passiert mit der investierten Zeit und der Anwendung, wenn Facebook mal eben die Spielregeln ändert? Möchte man das Risiko eingehen, sein Geschäft auf einer Nutzerbasis aufzubauen, die nicht die eigene ist?

Und es sind nicht alle so gleich, wie es scheint. So konnte man verschiedentlich lesen, dass einige Anbieter schon vor dem öffentlichen Start Ende Mai Zugang zum API hatten.

Man darf gespannt sein, was dort passieren wird. Meiner unmaßgeblichen Einschätzung nach werden wir in erster Linie Widgets von Diensten sehen, die sowieso schon selbst mehr oder weniger stark »draußen im wilden Web« vertreten sind und, angesichts des vertretbaren Entwicklungsaufwand, Facebook zusätzlich »mitnehmen« wollen. Das es Geschäfte, die einzig und allein auf das Agieren innerhalb der Facebook-Plattform setzen werden, in nennenswerten Umfang geben wird, erwarte ich hingegen weniger. Und, viel wichtiger, Facebook wird ein Indikator sein, ob es nach der Phase der Öffnung im Web zu offenen Standards einen Trend zurück zu den proprietären »walled gardens« geben wird…

Lesestoff:

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