Mai 2007

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!

(Das großartige Bild: »Fenced« – asvensson@flickr aka Alexander von »Wortfeld«)

So sieht das aus, wenn sich die »Führer der freien Welt« zu ihrem jährlichen Treffen, dieses Jahr in Heiligendamm an der Ostsee, rüsten. Was dem einen sein »antifaschistischer Schutzwall« war, ist dem anderen seine »technische Sperre«, wie der Drahtzaun um die Stätte des kommenden G8-Gipfels in der Sprache der so genannten Sicherheitsbehörden genannt wird. Genau wie dem historischen Vorbild darf man sich auch diesem Bauwerk nicht ungestraft nähern. Schöner kann man das »ihr potenziell Bösen da unten, wir Guten hier oben« nicht symbolisieren. Wer sich freiwillig umzäunt, hat böse Absichten oder ein schlechtes Gewissen…

Jetzt erhältlich: Der Move-Against-G8-Soli-Sampler, mit Beteiligung eines bunten Reigens aus der deutschen Indie- und Not-So-Indie-Szene, u.a. – es gibt auch Gutes im Bösen – ein neuer Song von Kettcar. Der Verkauf kommt der Finanzierung der Protestaktionen gegen den G8-Gipfel zu Gute.

Links zum G8-Gipfel:

g8 heiligendamm polizeistaat moveagainstg8

Manchmal kommen sie wieder...

(Bild: »In God we trust«, CC von gkomel@flickr)

Boxen, verehrte Zielgruppe, hat viel mit Bloggen gemein. Es gibt die Schwergewichtler und die Fliegen. Es gibt die technisch Versierten, die brutalen Schläger, und jene, die es sowieso nur für Geld tun. Es tummeln sich hier wie dort die Champions, die »Journeymen« und das »Fallobst«. Und sowohl beim Boxen als auch bei den Blogs hocken rund um den Ring die Claqueure und Adabeis und hoffen, auch ein paar Strahlen vom Scheinwerferlicht der Gestalten im Ring mit zu bekommen…

Eines Tages verabschieden sich die Akteure aus dem Ring und aus dem Netz, und nach dem letzten Winken ins Publikum geraten sie in Vergessenheit. Und das Publikum läuft nachdenklich davon und denkt sich: »Ja ja ja, they never come back…«

Aber manchmal kommen sie doch zurück. Wenig ruhmreich wie Axel Schulz. Oder gelungener wie Henry Maske. Vitali Klitschko steht auch schon an der Ringecke. Und in der Blogosphäre?

Wenn Blogger aufhören, die zu meinen Favoriten zählen, lasse ich sie stets im Feedreader drin. Sie kommen wieder. Fast alle. Jüngstes Beispiel: Konstantin »WorldWide« Klein ist wieder da! Konstantin ist schon seit Urzeiten dabei, hat schon diverse Male aufgehört und ist stets wieder zurück gekommen. Willkommen zurück!

Ich bin gespannt auf das nächste Comeback: Vielleicht dee, oder Martin? ;-)

weblogs boxen comeback

Die »Große Spendeshow«

Das Küchenkabinett bloggt über eine kontroverse Fernsehshow im niederländischen Fernsehen, genauer, des Senders BNN, mit dem Namen »De Grote Donorshow«, auf Deutsch »Die große Spendeshow«. Und die hat es in sich, denn in dieser Show spielen drei Kandidaten, die auf ein Spender-Organ warten, um die Niere einer todkranken Spenderin. Küchenkabinett sieht diese Fernsehshow-Idee als einen weiteren Schritt zur Realisierung von Medien-Dystopien wie den Film »Running Man« und als Indiz dafür, dass die Realität im Cyberpunk angekommen ist.

Auf den ersten Blick mag das so erscheinen. Eine Fernsehshow um Organe – für die »Kandidaten« um Leben und Tod – sieht nicht nur auf dem ersten Blick aus wie eine weitere Drehung in der Abwärtsspirale des moralischen und kulturellen Verfalls durch das Kommerzfernsehen…

Auf den zweiten Blick ist die Welt aber nicht immer Schwarz oder Weiß. Die Show soll eine »soziale Provokation« mit dem zeitgenössischen Mittel, die Massen zu erreichen: Eine Gameshow.

Das holländische Fernsehen hat eine einmalige Konstruktion. »Sende-Vereine«, kommerzielle Anbieter und so genannte »gesellschaftlich-relevante Gruppen« liefern Programme, für die der staatliche Sender NOS, der an eigenen Programmen nur Sport und Nachrichten produziert, die technische Infrastruktur bereit stellt. Insbesondere die Vereine sind interessant. Wenn man einen gründet und mindestens 150.000 Mitglieder stark ist, hat man ein Recht auf Sendeplätze in einem der drei landesweiten Programme. Einer dieser »Sende-Vereine« ist BNN, gegründet von Bart De Graaff. De Graaff, auch auf Spenderorgane angewiesen, starb 2002 an den Folgen einer lebenslangen Nierenerkrankung. Ihm zu Ehren heisst der Sender »Bart’s Neverending Network«. Das Problem des Mangels an Spenderorganen gibt es nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Niederlanden. So möchte BNN das Bewusstsein für dieses Problem mit dem ganz großen »medialen Hammer« schärfen und produziert eine Show, die wie eine Realität gewordene Horrorvision rüber kommt. BNN-Chef Laurens Drillich (zitiert nach TV-Visie, übersetzt von mir):

»Der Mangel an Spenderorganen ist ein drängelndes Problem, das so leicht zu lösen wäre. Es stehen so viele Menschen auf der Warteliste, ohne dass sie Aussicht auf ein Spenderorgan hätten, dass das einer Lotterie gleich kommt. Darauf wollen wir aufmerksam machen.«

Auch das Spiel mit dem (kalkulierten) Gegenwind beherrscht BNN, auf ihrer Website verlinken sie die Google-News-Sammlung ihrer Kritiker mit der Aufforderung an diese, doch einen Spenderausweis auszufüllen…

Was lehrt uns diese Geschichte? Nicht immer ist alles so, wie es auf dem ersten Blick erscheint, auch wenn »Endemol« beteiligt ist (die die Show produzieren). Vielleicht ist die TV-Show einer der wenigen Wege, über den die so genannten »abgestumpften Massen« überhaupt noch für ein soziales Thema erreichbar sind?

Update 6.6.07: Die Show war ein großer »Fake«. Die allenthalben geschwungene Moralkeule ist unangebracht. »Unwürdig« (Ulla Schmidt) war nicht die Show, sondern die Tatsache, dass Menschen auf Organe warten und sogar sterben, weil sie keines bekommen, während mehr als genug davon im Boden verrotten. Aufmerksamkeit in der »Unterhaltungs-Gesellschaft« funktioniert im großen Stil nur noch mit den Mitteln eben dieser. Der Kulturpessimist in mir mag darob ein großes Klagelied anstimmen, an den Fakten ändert das aber nichts…

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Berlin-Hauptbahnhof - Mehdorns Shopping-Gruft

Traditionell war der Bahnhof einer Großstadt »ein Schleusenraum für die Vermittlung zwischen zwei verschiedenen Verkehrsräumen, dem der Stadt und dem der Eisenbahn. Er verändert Menschen, zumindest vorübergehend: Sie unterwerfen sich dem Bahnhof für eine kurze Zeit und verlassen ihn bald wieder in einer anderen Stimmung« (Alfred Gottwaldt, »Der Bahnhof«, in: Geisthövel u. Knoch (Hg.) »Orte der Moderne«, S. 22). Wer im letzten Jahr im neuen Berliner Hauptbahnhof angekommen oder abgefahren ist, ist auch verändert: Als Reisender fühlt man sich dort überflüssig, gehetzt, verloren…

Im Freitag hat Rainer Fischbach zum einjährigen Jubiläum der Eröffnung des Berliner Hauptbahnhofs einen großartigen »Erfahrungsbericht eines Reisenden« verfasst:

»Ohnehin schon Mitglieder einer Minderheit, erfahren Bahnfahrer in diesem Bahnhof erst recht ihre Bedeutungslosigkeit. Er gibt sich als in Beton, Stahl und Glas verdichtete Verachtung ihrer wesentlichen Bedürfnisse zu erkennen. Aus welcher Perspektive auch immer, der Bahnhof bietet sich mehr wie ein an Piranesis Carceri erinnernder Architekturalptraum dar denn als ein begehbarer, den Zielen der Reisenden dienender Zweckbau. «

Wer dort schon einmal rumirrte, z.B. auf der Suche nach einem Becher Kaffee, wird es erlebt haben: Man ist dort ein Gehetzter, ständig ist man auf der Suche, nirgends ein Ort zum Verweilen.

»Wer von Süden oder Norden kommend im Tiefbahnhof aussteigt, findet sich in einer Gruft, die den Charme einer Aussegnungshalle ausstrahlt. Der Blick nach der Bahnhofsuhr, mit dem der Passagier die Uhr am Handgelenk überprüft, geht ins Leere. Die Uhren sind gut hinter Stützen und Fahrstuhlschächten versteckt« (Freitag).

Es gab Zeiten, da war die Uhr an Bahnhöfen allgegenwärtig, denn »Zeit« und »Raum«, sprich, eine klare Struktur zur Orientierung hin zum wesentlichen – das Gleis, wo der Zug abfährt – sind die wesentlichen Elemente eines Bahnhofs. Darum steht er da. Der Berliner Hauptbahnhof ist ein Symbol (nicht nur durch den Orkan anfang des Jahres) für das, was uns Bahnfahrern droht, wenn Mehdorns aberwitzigen Monetarisierungsfantasien zur »Börsenbahn« kein Einhalt geboten wird. Die Bahn-Infrastruktur ist ein wichtiges Zukunftsgut für das gesamte Land, das nicht privatisiert werden darf. Und die Bahn muss von der Politik wieder auf ihre primäre Aufgabe zurück geworfen werden: Bahnverbindungen. Nicht Immobilienmonetarisierung. Bahnhöfe. Keine Plastik-Shopping-Moloche…

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