Februar 2007

Oh, Borussia

Während ich mir so überlege, wie denn genau die »Strategic Content Publishing Guidelines« ;-) für uninformation.org werden sollen, und ob überhaupt der Fußball drin sein soll, und überhaupt, wird die ruhmreiche Borussia aus Mönchengladbach an das Ende der Tabelle gereicht (Danke, HSV, das wir noch nicht ganz unten sind, auf Euch ist Verlass).

Und dann der 19. Spieltag, Funktionärspanik rulez! Heynckes, Magath, Doll auf einen Streich! Bei uns (Borussia) ist man so etwas ja schon gewohnt, die neue Geschäftsstelle hat extra eine Drehtür bekommen, damit die Heerscharen von Spielern und Trainern schneller rein und raus können. Aber die Bayern! Trotz meiner Antipathie für diesen Klub hielt ich ihn immer für gut und seriös geführt, zwei schwache Spiele reichen und Hitzfeld steht plötzlich vor der Tür wie das Krokodil im Kasperle-Theater. Sieht ziemlich abgekartet aus, die ganze Geschichte…

Aber die Borussia. Ein hoffnungsloser Fall! Immer die selbe Leier, Trainer ist schuld. Das sagte man seit dem Aufstieg auch schon über Lienen, Fach, Köppel und Advocaat. Nicht mal eine Legende wie Jupp Heynckes bekommt die seelenlose Söldnertruppe in den Griff. Dazu noch ein Manager, der nicht in der Lage ist, die dringendste Baustelle, den Angriff, zu schließen. Aber mit zwei Sternen auf dem Trikot rumlaufen!

Ein paar Zitate, VfLog:

»Hoffen wir aber vor allem, dass irgendwann die Kultur zurückkommt, die uns einst Gründe gab, überhaupt erst zu Gladbachfans zu werden. Viel ist von ihr schon lange nicht mehr zu erkennen. Als Hans Meyer und Jupp Heynckes gestern das Stadion verlassen haben, sind zwei Männer gegangen, die den Niedergang der Borussia beide nicht aufhalten konnten. Man hat sie nicht gelassen.«

Die Seitenwahl:

»Die Demission von Jupp Heynckes ist unter all ihren Begleitumständen eine handfeste Kapitulation vor den sogenannten Mechanismen des Fußballgeschäfts. Ein Geschäft, in dem die Presse- und Medienlandschaft eine für die von ihr erzeugte Qualität unverhältnismäßig große Rolle übernommen hat und in dem die Mehrheit der Berichterstatter nicht mehr darauf aus ist einen Klub auf seinem Weg zu begleiten, sondern einem Klub einen Weg praktisch vorzugeben. Einen Weg, der eben nicht der beste, aber stets halt der schlagzeilenträchtigste Weg sein muss.«

Jupp Heynckes, das ist für Außenstehende schwer erkennbar, ist nicht nur einfach ein weiterer Trainer. Er gehört wie sonst nur Günter Netzer und Hennes Weisweiler zum in den 70ern gebildeten Gladbacher Mythos, der in Form einer nie mehr wieder erreichbaren glorifizierten Vergangenheit auf Klub und Umfeld lastet. Aber selbst das nützte ihm nichts. Da schmerzt die Raute, wenn man anschauen muss, wie einer der größten Borussen von einigen Boulevardschreibern, grenzdebilen Fans und einer aalglatten Funktionärs-Junta in die Wüste geschickt wird.

Und nun? Mich dünkt, man kann sich als Borussia-Fan auf Fernseh-Montage im DSF einstellen und schon einmal in Google Earth schauen, wo denn Burghausen genau liegt. Diese Mannschaft ist so tot, nicht mal Klinsi würde sie mit einer Horde Ami-Motivationsgurus im Gepäck aufwecken…

Aber ein Funken Resthoffnung bleibt natürlich, denn die Raute auf der Brust ist unauslöschlich eingebrannt und es gilt auch in harten Zeiten: Mein Freund ist aus Leder!

borussia fußball heynckes

flickr und die stilvolle Konkurrenz

flickr stellt nun bekanntlich endgültig, und das war seit dem Aufkauf von flickr durch Yahoo! bekannt, alle Daten auf Yahoo-Accounts um. Einige regen sich darüber exorbitant auf, ganz so, als hätte Yahoo! nicht schon längst Zugriff auf ihre Daten und der technische Aspekt des Login-Vorgangs mit einem anderen Namen und einer anderen Datenbank würde daran auch nur irgendetwas ändern.

Die vor sich hin dümpelnde Konkurrenz mit »Mee-Too«-Angeboten wie SmugMug oder Zooomr möchte die Unruhe ausnutzen und lockt Wechselwillige mit grenzwertiger Agitation.
Den Vogel, und das ist IMHO nicht mehr grenzwertig, sondern weit drüber hinaus, schiesst der CEO von Zooomr ab. Thomas Hawk listet genüßlich empörte Stimmen auf, spielt den empörten flickr-User (ohh, nur noch 3.000 Kontakte möglich) und fordert Leute auf, zu seiner flickr-Kopie zu wechseln. Und »diggt« seinen eigenen Beitrag auch noch selbst. Das hat Stil und macht seinen Dienst so richtig sympathisch. Man notiere und beachte solche Verhaltensweisen und berücksichtige sie bei seiner nächsten Entscheidung für oder gegen einen Dienst. Anil Dash:_ »I can not and will not ever concede that using these sorts of opportunities to promote a competing business is cool.«

flickr yahoo zooomr

Netz-Tand II - Die Lamerbar 2.0

Was es heißt, wenn »man jetzt auch Web-2.0 macht«, kann man auf diesem kleinen Bildchen sehen:

Kreti und Pleti, insbesondere Kreti und Pleti aus den gläsernen Burgen der industriellen Medienproduktion, verunstalten in diesen Zeiten ihre Seiten mit einer LamerBar 2.0™ und halten sich damit für die Speerspitze germanischer Netz-Innovation. Letzter Innovator: Die gute alte »Zeit«, Verzeihung, die »Sie werden in 15 Sekunden weitergeleitet«-Zeit.

Finde ich gut. Innovativ. Total. Denn ich, also ich, der Websurfer, bin doof. Es ist mir nicht zuzutrauen, dass ich selbst daran denke, einen Artikel, der mich interessiert, in meiner deli-Sammlung abzulegen. Man muss mich mit der Nase drauf stoßen. Mich mit bunten Bildern antreiben. Mich anbetteln mit bunten Ikonen, man hört die Symbole wimmern in ihrer schmerzhaft jungfräulichen Ungeklicktheit:
»Och komm jetzt, Du Schluri aus dem Netz, wenn Du schon für umme meinen wahrhaft grandiosen Content konsumierst, dann digge mich! Deli mich! Leg mich bei Webnews an! Gib’ mir Tiernamen! Damit mehr Schluris kommen! Ja, Banner-Klick-Vieh-Schluris! Andere Schluris, die die bunten Symbole anklicken! Klick jetzt! Klick! KLICK!«

Die vage Grundidee kollektiven Bookmarksammelns, die einst das Original, del.icio.us inspirierte, das aus der Gesamtheit wohlüberlegt abgelegter Links der Benutzer eine Sammlung interessanter Dinge entsteht, ist mit den grassierenden Lamerbars dem Tode geweiht. In dem Moment, in dem man das Ablegen des Links dem bewussten überlegten Akt entzieht und als simple Bildchen-Klickerei verfügbar macht, zerstört man sie, die vage Idee. Also: Nieder mit der LamerBar 2.0™!

tand netztand lamerbar lamerbar2.0 web2.0 web2.0wahn delicious

Ernste Zeiten

Martin vom VfLog: »So, jetzt haben wir’s also geschafft. Wir führen das Tabellenende mit großer Souveränität an.« Es gilt: Willst Du Gladbach oben sehen, musst Du die Tabelle drehen. Ernste Zeiten. Triste Fußball-Zeiten. Man kann nicht einmal mehr guten Gewissens hemmungslos schadenfroh sein.

»Seitenwahl« hat nun auch die Faxen dicke und sucht eine anständige Mannschaft (Zitat):

»Diese Mannschaft hat weit vor der Inthronisierung des Jupp Heynckes aufgehört zu existieren und schon vor 12 Monaten so getan als benötige sie allenfalls einen qualifizierteren Trainer. Als sie den dann nun hatte und es erneut lediglich stotternd lief, hat die Mannschaft zum wiederholten Male die Rolle des bockigen Kleinkinds eingenommen und unter bewußtem Gebrauch der längst zu abscheulichen Heuschrecken verkommenen Teile der Medienvertreter (jene, die an sich schon motiviert genug sind einen Trainer aus dem Amt zu schreiben, wenn er ihnen und ihrem unablässig agitirenden Geschmeiß nicht von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wie ein Erfüllungsgehilfe für an Dämlichkeit nicht zu überbietende O-Töne zur Verfügung steht) dieselbe Show abermals geboten.«

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Seit über 30 Jahren schaue ich mir Borussia an, die aktuelle ist die schlechteste und charakterloseste Mannschaft, die je das Trikot mit der Raute getragen hat, und wenn die Bande sich nicht bald einmal zusammen reisst, geht es (zu Recht) in die 2. Liga.

Andererseits geht das natürlich gar nicht, dass wir dem Geißbock in der 2. Liga Gesellschaft leisten und die Aachener Printen in der Bundesliga bleiben. Also muss das allerletzte Mittel raus, wie schon einmal vor bald zwei Jahren: Die Gladbach-darf-nicht-absteigen-Gedächtnisschleife ist erneut im Blog installiert worden. Und was noch viel mehr helfen würde: Jos zeigt den Jungs einmal, wo das Tor steht. Vielleicht sagen dann sogar einmal Gladbacher Stürmer: »Mein Freund ist aus Leder!«

Nachtrag: Auch bei den Fans führt die Lage bereits zu desperater Gedankenakrobatik. Die Torfabrik fabuliert sich etwas von einem »Kommunikationsproblem« zusammen. Kommunikationsproblem? Eigentlich muss nur der Ball ins Tor, was gibt es da groß zu kommunizieren…

borussia fußball

Re:Publica

Freunde des verschärften Weblog-, Welt- und Web-2.0-Problematisierens müssen sich am 11. April nach Berlin aufmachen, denn dort findet mit der Re:Publica unter dem Motto »Leben im Netz« eine Blog-Konferenz mit den »üblichen Verdächtigen« statt. Ich werde dort sein (The Girl übrigens auch, sie bloggt ja nix ;-)).
Ein erstes Programm gibt es auch schon. Die ganze Veranstaltung soll im Verhältnis zwei Drittel / ein Drittel eine Mischung aus »normaler« Konferenz und einem Barcamp werden. Mal schauen, wie das funktionieren wird.

Die Debatte um die (moderaten) Eintrittspreise ist im Grunde nur ein Aufguss der ähnlichen Debatten bei ähnlichen Veranstaltungen, wie z.B. dem jährlichen Congress des CCC. Das Problematisieren in der »Blogosphäre« um die Veranstaltung wird in den kommenden Wochen noch schlimmer werden. Sogar der Termin an drei Arbeitstagen wird in den Kommentaren beim Spreeblick bereits hinterfragt. Das ist wohl der Preis der Weblog-Popularisierung in den letzten Jahren. Aber definitely. ;-)

republica republica2007 berlin